von Maria Kiczka-Halit
„Angestellt oder selbstständig - sowohl als auch“. Das diesjährige Leitthema von LOK ist ein Thema, mit dem wir uns schon eine Weile beschäftigen. Bereits im Herbst 2008 haben wir begonnen, uns in einer Konzeptstudie zur Entwicklung eines Gründungsinkubators mit der Frage zu befassen, ob es denn nicht Unterstützungsformen und Unternehmensmodelle geben könnte, die Gründer und Gründerinnen anders als in der klassischen Form bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee begleiten.Die Stiftung Taubenfüße hat dies finanziell ermöglicht und ideell unterstützt und begleitet. Ihr gilt unser besonderer Dank an dieser Stelle.
Ein Ausgangspunkt war die Frage, wie Begleitsysteme optimiert werden können. Erfahrungen zeigen: Unternehmer und Unternehmerinnen starten nicht von null auf hundert. Wissenserwerb und Erfolg braucht seine Zeit. Nicht nur die theoretische Auseinandersetzung, sondern die praktische Erprobung und die Auseinandersetzung mit dem realen Marktgeschehen verdeutlichen, ob die eigene Idee auch funktionieren kann. Denn jeder Businessplan bleibt bei aller Perfektion zunächst einmal Theorie.
Selbstständigkeit erproben, step by step Unternehmer/in werden, wirtschaftlich mit der eigenen Idee tätig zu sein, ohne den rechtlichen Status eines Unternehmers, einer Unternehmerin: eine spannende Idee und eine Herausforderung, sich mit deren Machbarkeit auseinanderzusetzen, aber unter schwierigen Ausgangsbedingungen schwer vorstellbar in unserem Rechtssystem und unserer Förderlandschaft.
Und: Müssen Menschen mit unternehmerischen Ideen die unternehmerische Verantwortung allein tragen? Lässt sich die Verantwortung nicht teilen? Kann ich nicht erfolgreich unternehmerisch tätig sein, ohne den rechtlichen Status des Unternehmers sondern als Angestellter?Und hier schließt sich die Frage an: Gehen Sie nicht auch manchmal durch die Stadt, durch Ihren Kiez und sehen Geschäftsideen auf der Straße liegen, die nicht aufgegriffen werden? Warum können wir nicht Ideen in den Markt werfen und kreativen Engagierten Raum und Infrastruktur geben, diese wirtschaftlich zu entwickeln mit der Option, das Geschäftskonzept dann in einer eigenen rechtlichen Struktur weiterzuführen?
Eine weitere Motivation war die Suche nach Lösungen, wie Beratung und Begleitung kontinuierlich angeboten werden kann, unabhängig von aktuellen Förderprogrammen. Leitidee war, nachhaltige, sich in wesentlichen Teilen selbsttragende Systeme zu entwickeln, die nach einem Refinanzierungsprinzip funktionieren: In Anspruch genommene Hilfen werden wieder zurückzugeben, damit Andere auch beim „Laufen lernen“ unterstützt werden können. Sicher, die Unterstützung von Gründungen ist in bestimmten Phasen des Prozesses immer auf Förderung angewiesen, vor allem, wenn es bei Gründungen aus der Arbeitslosigkeit gleichzeitig um die Sicherung des Lebensunterhalts geht; dennoch: die Vision einer sich in wesentlichen Teilen selbsttragenden Struktur hatte uns geleitet, diese Konzeptstudie zur Entwicklung eines Gründungsinkubators zu erstellen.
Der Inkubator als Ideenschmiede, als Ort zum Lernen und Experimentieren und als Ort für unternehmerisches Handeln: Die Studie war und ist der Versuch, diese unterschiedlichen Bausteine jeweils auf ihre Machbarkeit hin zu betrachten und das wirtschaftliche und soziale Potenzial dieses Unternehmensmodells zu bewerten.
Die Grundideen der Konzeptstudie haben wir mit verschiedenen Akteuren diskutiert, einige Elemente in verschiedene Projekte integriert mit dem Ziel der konzeptionellen Weiterentwicklung. Wie wir den Diskussionen entnehmen, sind Realität und Zeitgeist ein Stück dort angekommen, die Idee vom „angestellten Unternehmer“ öffentlich diskutieren zu können und zu wollen. So sind z.B. in Frankreich Modelle vor allem in der Kreativwirtschaft am Markt, bei denen „entrepreneurs salariés“ beschäftigt werden.
Ein neues Projekt der Breuninger Stiftung „100 mal neues Leben“ beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Thematik. Daher haben wir uns entschlossen, die Studie jetzt zu veröffentlichen, um sie in die öffentliche Diskussion um neue kooperative Unternehmensmodelle einzubringen.
Noch einige Anmerkungen zur Studie: Die zu Beginn vorangestellte Analyse der Gründungsförderung in Berlin ist vom Stand Februar 2009. Einiges hat sich seitdem verändert: Das Landesprogramm zur Gründungsvorbereitung „StartChance“ hat sich etabliert; die Gesetzeslage im SGB II hat sich mit dem § 16 c dahingehend verändert, dass die Option auf die Vergabe von Darlehen oder Zuschüssen für Gründer/innen vorhanden ist und einige Jobcenter eigene Maßnahmen zur Gründungsvorbereitung anbieten – wenn auch auf unterschiedlichem qualitativen und quantitativen Niveau.
Aber wir haben auch weiterhin ein zentrales Problem: Gründer und Gründerinnen aus ALG I haben zumindest theoretisch mit dem Gründungszuschuss die Möglichkeit, sich bei Sicherung ihres Lebensunterhalts neun Monate „zu erproben“ und könn(t)en in dieser Zeit finanzielle Rücklagen bilden. Gründer/innen aus dem Rechtskreis des SGB II dagegen müssen ihre Einnahmen in einem aufwändigen Verfahren verrechnen. Rücklagenbildung ist daher nicht möglich in einer Zeit, da sie noch nicht genug verdienen, um ausschließlich davon leben können.
Und hier hat sich die Situation zu 2008 nicht verbessert, sondern eher verschärft: Denn wer sich die Praxis von Entscheidungsprozessen für Förderzusagen z.B. in den Jobcentern oder bei Banken ansieht oder die öffentlichen Diskussionen zum Thema Gründung aus der Arbeitslosigkeit verfolgt, wird feststellen, dass die Messlatte für eine erfolgreiche Gründung persönlich und fachlich wieder höher gelegt wird. Es werden auch heute immer noch zu wenig die Potenziale und Chancen gesehen, die in einer qualifizierten und praxisnahen Gründungsbegleitung liegen, vielmehr bremst ein verkürztes Kostendenken und das fehlende Vertrauen in Entwicklungspotentiale unternehmerische Initiative und Handeln vorzeitig aus.
Die Ideen der Studie zeigen neue, andere Wege auf. Sie sind der Versuch, Wege im vorhandenen Rechtssystem zu finden, die Gründungsvorbereitung sowie unternehmerisches Handeln und Wirtschaften auf kooperative und vielfältige Weise ermöglichen.
Wie sagte Prof. Faltin vor Jahren mit einem Buch: „Die Stunde der Unternehmen von unten ist da“. Heute sollten wir sagen: „Die Stunde der angestellten Unternehmer und Unternehmerinnen ist da!“
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